280 Kilogramm Klemmsteine

280 Kilogramm Klemmsteine

Bauen ohne Grenzen. Die Idee des Nachbarschaftsheimes Wuppertal, die sich hinter diesem Titel verbarg, erschien zunächst ungewöhnlich und schwer vorstellbar. Am Ende wurde aber auch diese Idee zu einem großen Erfolg. Und die Bergischen Löwen konnten sehr kräftig unterstützen.

Zunächst: das Nachbarschaftsheim https://nachbarschaftsheim-wuppertal.de ist eine seit dem Jahr 1948 bestehende, bestens bewährte und überaus erfolgreich agierende Einrichtung in einem sozial schwachen Gebiet unserer Stadt. Täglich gibt es an zwei Standorten ein vielfältiges Angebot für Kinder bis hin zu Senioren, für Familien und Frauen, in den Bereichen „Teilhabe, Austausch und Integration“, „Lernen und Lesen“, „Sport Tanz und Bewegung“ oder auch „Reparieren und Retten“. Verschiedentlich wurde das Nachbarschaftsheim für seine Initiativen ausgezeichnet (so z.B. für den „Kinderlesewagen“), und oft waren und sind seine Projekte Vorbild für Initiativen an anderen Orten unseres Landes, wie z.B. das Projekt „Radeln für alle“. Demgemäß umfangreich sind die Aktivitäten, in denen sich die Bergischen Löwen seit einigen Jahre beteiligen, sei es durch finanzielle Zuwendungen, sei es durch vielfältige Hands Ons in zahlreichen Projekten. Auf Letztere sind wir besonders stolz.

Zurück aber zu „Bauen ohne Grenzen“. Ausgangspunkt war die Erfahrung auch des Nachbarschaftsheimes, dass Kinder oft Mühe haben, ihre Freizeit nicht zuletzt während der Schulferien sinnvoll zu gestalten. Oft fehlt Anregung und Begleitung aus dem Elternhaus, wofür nicht selten fehlende finanzielle Möglichkeiten der Grund sind. Woraus die Idee erwuchs, neben der täglichen Betreuung ein verlockendes Freizeitangebot für die Schulferien zu schaffen, in denen die Kinder sich nicht auf der Straße oder am Smartphone bbzw. Tablet Beschäftigung suchen müssen, sondern sich unter Anleitung sinnvoll beschäftigen können. Ein Angebot, in dem ihre Kreativität gestärkt wird, und in dem auch die Entwicklung anderer Fähigkeiten begleitet wird wie z.B. Sozialkompetenz durch Arbeit in einem gemeinsamen Projekt.

Die Methodik war rasch identifiziert: etwas Händisches, Gegenständliches wie z.B. gemeinsames Bauen. Idealerweise ohne großen Vorbereitungsaufwand und (Verletzungsgefahr!) ohne Werkzeuge. Mit etwas leicht Verfügbarem. Wie beispielsweise Klemmsteine. Dabei wurde ebenso rasch klar, dass es dafür Platz brauchte. Dies war noch der einfachere Teil, verfügt das Nachbarschaftsheim, in einem ehemaligen Kirchengebäude ansässig, über einen großen Saal, bestens geeignet für den Aufbau einer großen Zahl von Tischen, an denen gebaut werden konnte.

Schwieriger zu beantworten war die Frage der Organisation der benötigten Klemmsteine. Ein Kauf schied aus, einerseits, weil hierfür kein Budget vorhanden war. Andererseits, weil zunächst ein Test durchgeführt werden sollte, während dem die Reaktion auf das Angebot ausgelotet werden sollte.

Zum Glück konnte eine Möglichkeit gefunden werden, mit der die Einrichtung zu günstigen Konditionen Klemmsteine leihen konnte. So gab es in den Sommerferien 2025 - sozusagen als Test - drei Tage, in denen Kinder aus dem Quartier, begleitet von Erziehern des Nachbarschaftsheimes, ihrer Kreativität freien Lauf lassen konnten.

Die Resonanz war beeindruckend: ca. einhundert Kinder kamen - z.T. mit ihren Eltern - in den großen Saal und setzten die vorhandenen Klemmsteine zu den unterschiedlichsten Gebilden zusammen, die am jeweiligen Tagesende auf einem großen Tisch gesammelt und präsentiert wurden. So mancher traurige Blick begleitete die Steine am Ende des Tests auf ihrem Weg zurück in die Aufbewahrungsboxen. Nach diesen ersten drei Tagen stand fest, dass „Bauen ohne Grenzen“ zu einem festen Angebot werden sollte. Vorausgesetzt natürlich, dass eine größere Menge Klemmsteine zu bekommen war.

Die Idee hier war die eines Aufrufes an die Wuppertaler Bevölkerung. Dieser war auch rasch auf den Weg gebracht, ergab aber nur recht wenige Steinspenden. Parallel wurden die Bergischen Löwen auf die Spendenaktion aufmerksam gemacht. Eberhard Hagen, der amtierende Activity-Beauftragte des Clubs, nahm die Anfrage sofort auf, indem er den Hilfswerkvorstand überzeugen konnte, ein Budget für den Kauf von (gebrauchten und vielleicht auch günstigen) Steinen zur Verfügung zu stellen. Auch nahm er Verbindung zum Jumelage-Club im niederländischen Heerenveen auf. Die dortigen Lionsfreunde waren sofort Feuer und Flamme und machten sich unverzüglich an die Arbeit, nicht zuletzt mit einem Artikel in der lokalen Presse.

Während die niederländischen Freunde sammelten, beteiligten sich andere Wuppertaler Lions Clubs mit Geldmitteln, und Eberhard Hagen verbrachte Stunden im Internet mit der Suche nach geeigneten Konvoluten. Die Suche aber dauerte, zu ungeeignet, aber auch zu teuer war das Angebot.

Schon bald nach dem Beginn der Activity kam die erfreuliche Mitteilung von unseren niederländischen Freunden: sie hatten rd. 70 Kilo gebrauchte Klemmsteine auftun können, teilweise gespendet, teilweise angekauft. Mit einer kleinen Delegation (in gelben Poloshirts, bestehend aus unseren Beauftragten für Jumelage und für Activities) nahmen wir das Konvolut von unseren niederländischen Freunden in Empfang.

Kurz darauf hatte unsere eigene Suche im Internet plötzlich Erfolg: ein Klemmstein-Enthusiast löste seine äußerst umfangreiche Sammlung auf. Glücklicherweise war der Standort nicht allzu weit von Wuppertal entfernt, und da der Preis günstig war und ins Budget passte, verfügten wir auf einmal über weitere rd. 120 Kilogramm Steine, die die Gesamtmenge auf rd. 190 Kilogramm erhöhten. Diese Menge löste im Nachbarschaftsheim größte Freude aus und versetzte dieses in die Lage, in den Herbstferien 2025 den Großen Saal neuerlich für „Bauen ohne Grenzen“ zu öffnen.

Der Erfolg war überaus groß. Mehr als 120 Kinder sowie zahlreiche Familienmitglieder kamen zur Teilnahme. Aber nicht nur Kinder bauten mit. Rasch saßen die zunächst nur begleitenden Erwachsenen mit an den Tischen und setzten in Teams aus Enkeln, Eltern und Großeltern Steine zusammen. Und es entwickelte sich auch etwas, was dem Titel entsprach: „Bauen ohne Grenzen“. Türkische Mitbürger gestalteten gemeinsam mit Kurden, Syrer mit Jordaniern, Ukrainer mit Russen. Bauen ohne Vorbehalte, ohne Grenzen. So war das gedacht.

Eine Erfahrung zeigte aber auch, dass die inzwischen – einschließlich Steinspenden aus der Bevölkerung – vorhandenen 210 Kilogramm trotz der großen Menge zu wenige größere Steine enthielten, mit denen man effizient große Gebäude bauen konnte, die die Kinder sehr lieben. Nach einer entsprechenden Anfrage an uns machten wir uns wieder auf die Suche. Rasch wurden wir fündig bei einem Produzenten im Münsterland, der nun - entsprechend dem Überschuss aus dem Lions-Kinotag 2025 - rd. 70 Kilogramm Klemmsteine produzierte, exakt in den Formaten, wie sie benötigt werden.

Zum ersten Mal zum Einsatz kamen die neuen Steine in der Woche vor Ostern. Die Resonanz war beeindruckend: während vier Tagen bauten rund 250 Kinder plus Eltern auf 24 großen Tischen eine fulminante Stadt aus Klemmsteinen.

Der Plan war aufgegangen: eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung, in der Kinder diejenige Ansprache, Animation und Förderung erhalten, die sie sich so sehr wünschen.

 

Text: Eberhard Hagen : Fotos: Lions und Nachbarschaftsheim